Arbeitsscheu Reich!
14.01.2008 - alf
Über den Antifaschismus der politischen Klasse
2008 ist endlich zu Ende gegangen. Zeit, ein wenig das vergangene Jahr Revue passieren zu lassen.
Was hat es uns nicht alles gebracht?
Es war das Jahr der Kartoffel und des hessischen SPD-Wahlsiegs, der Bronzeröhrling wurde Pilz des Jahres, die Braunerde Boden des Jahres, die FED brachte die Weltwirtschaft doch noch zum Kollabieren und Deutschland wurde seinem Ruf als Erinnerungsweltmeister voll und ganz gerecht.
Also erinnerten wir uns oder ließen uns erinnern: 30 Jahre Schmach von Córdoba, 40 Jahre 68 (brachte immerhin erste Mitfickzentralen), 60 Jahren D-Mark und volle Regale, 70 Jahre „Arbeitsscheu Reich“.
Gerade letzteres ist uns allen noch gut im Gedächtnis, war doch die crème de la crème unserer Nomenklatura in Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen zur Kranzniederlegung angetreten, Großer Bahnhof am Berliner Mahnmal für die Ermordeten, das Kammerorchester des Reichstags quietschte sich derart einen ab, dass kein Auge trocken blieb und schließlich dudelte das Staatsfernsehen 24 Stunden Trauermärsche.
Selbst lokale Politprominenz ließ es sich nicht nehmen, eigenhändig ein paar „Stolpersteine“ für die einheimischen Opfer ins Pflaster zu kloppen!
Ja, das war was!
Leider alles erstunken und erlogen.
Kein Schwanz aus der politischen Kaste der BRD, die sich ja ansonsten bei jeder Gelegenheit einen auf ihre Erinnerungskultur runterholt, hat auch nur ein Wort über die mehr als 10.000 Opfer des 13.- 18 Juni 1938 verloren.
Es ist deshalb an uns Pogo-Anarchisten, dies nachzuholen.
Wir erinnern an die im Zuge der reichsweiten Aktion „Arbeitsscheu Reich“ (ASR) in KZs verschleppten, gequälten und ermordeten Asozialen.
Doch beginnen wir von Vorne:
Am 1. Juni 1938 tickerten in allen Kripoleitstellen des Reiches die Fernschreiber. Der Chef himself – Rheinhard Heydrich – gab seinen Kriminialpolizisten nochmal die Chance, sich im nationalsozialistischen Sinne zu bewähren, war ihr Vorgehen gegen Asoziale in seinen Augen bis dahin doch allzu lasch gewesen.
Gesetzestreu wie der Obergruppenführer nunmal war, lieferte er mit dem „Erlass des RuPrMdI. vom 14. Dezember 1937“ die rechtsstaatliche Handhabe gleich mit. Dieser gab der Kripo „weitgehende Möglichkeiten“ gegen „alle asozialen Elemente“, die „durch ihr Verhalten der Gemeinschaft zur Last fallen und sie dadurch schädigen.“
Die Erfüllung des Vierjahresplanes ließe es nicht zu, „dass asoziale Menschen sich der Arbeit entziehen und somit den Vierjahresplan sabotieren.“
Heydrich befahl aus diesem Grund, dass aus jedem Kriminalpolizeileitstellenbezirk in der Woche vom 13. bis 18. Juni mindestens 200 Männer festzunehmen und sofort ins KZ Buchenwald zu überführen seien.
Die örtlichen Kripos gaben sich wenig Mühe die Festnahmen zu begründen. Typisch die folgende:
„Funk ist ein arbeitsscheuer Mensch. Er zieht planlos im Lande umher und lebt vom Betteln. Einer geregelten Arbeit ist er bisher noch nie nachgegangen. Die Allgemeinheit muß vor ihm geschützt werden.“
Keine Verbrechen, keine Vergehen oder Ordnungswidrigkeiten, kein Gerichtsurteil! Wohnungs- und arbeitslos zu sein und von Almosen zu leben reichte 1938 völlig aus, um von der Kripo in den sicheren Tod geschickt zu werden!
Durch die Einlieferung der im Rahmen der Aktion ASR verhafteten ca. 10.000 Asozialen verdoppelte sich die Zahl der KZ-Häftlinge auf einen Schlag und die Zustände in den Lagern Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen verschlechterten sich infolgedessen dramatisch.
Doch obwohl die "Asozialen" sogar für einige Monate die mit Abstand größte Häftlingsgruppe der Konzentrationslager stellten, hatten die mit schwarzen Winkeln gekennzeichneten "Asozialen" keinen Einfluss auf das Lagerleben. Die Funktionsposten in der Lagerverwaltung blieben fest in der Hand der „Politischen“.
Von Anfang an standen die Asozialen in der Häftlingshierarchie weit unten.
Dies ließ man sie bereits bei der Einkleidung spüren, wo sie von rotwinkeligen Mithäftlingen stets die schlechteren Klamotten ausgegeben bekamen. Dies setzte sich fort bei der Arbeitseinteilung, bei der kaum ein Asozialer je aus den Schachtkommandos oder dem Steinbruch herauskam.
Auf die heutzutage hochgelobte Solidarität der Mithäftlinge durften Asoziale also nicht hoffen.
Im Gegenteil: Gerade die Politischen sahen in der massenhaften Einweisung von Arbeitsscheuen, Landstreichern, Bettlern und Hausierern lediglich einen Versuch der SS, sie zu demütigen und öffentlich zu diskreditieren.
Selbst nach dem Krieg noch rechtfertigten sich viele, Asoziale seien unzuverlässig und unsolidarisch gewesen, allen voran Eugen Kogon, der sie in seinem Buch Der SS-Staat bereits 1946 als "vom Häftlingsstandpunkt unerwünscht" bezeichnete.
Es stellt sich jedoch die Frage, wer unsolidarisch war, wenn Asoziale bereits vor dem Eintreffen von der etablierten Lagerprominenz zur Diskriminierung freigegeben waren?
Wie auch immer...
Die schon weitgehend entkräfteten Bettler und Alkoholiker, die bei Einlieferung durchschnittlich bereits Enddreißiger waren, hielten der Hölle sowieso nicht lange Stand und starben wie die Fliegen.
Den wenigen KZ-Überlebenden mit schwarzem Winkel wurde nach dem Krieg nicht nur von ehemaligen Mithäfltingen Dreck hinterhergeworfen.
Sowohl BRD- als auch Täteräh-Staat und -Justiz sprachen den Asozialen den Opferstatus ab und verweigerten jegliche Wiedergutmachung.
Hohe Gerichte urteilten, dass eine Anerkennung als Opfer des Nationalsozialismus ausgeschlossen sei, wenn die Überführung in ein Konzentrationslager "wegen Arbeitsscheu auf Grund der sog. 'Asoaktion'" erfolgte.
Die ungebrochene Kontinuität (inter-)nationalsozialistischen Denkens zeigt sich jedoch nicht nur in der Wiedergutmachungsfrage. Auch die Tatsache, dass bis Ende der 60er Jahre Asoziale zwangsweise in Arbeitshäusern eingesperrt und ausgebeutet wurden und dass Art. 5 Abs. 1e der Europäischen Menschenrechtskonvention (sic!) Landstreichern, Alkoholikern und Rauschgiftsüchtigen das Recht auf Freiheit abspricht, ist Beleg für ein unverändert kollektivistisches Menschenbild, das den Einzelnen nur nach seinem Wert oder Unwert für Volk, Rasse, Klasse oder neudeutsch „die Gesellschaft“ beurteilt.
Eine Politik aber, die meint, den in den KZ-Steinbrüchen zu Tode geschundenen Bettlern und Landstreichern sei kein Unrecht geschehen, die weiterhin meint, Alkoholiker und Rauschgiftsüchtige gehörten auch heute einfach weggesperrt, kann sich ihren wie eine Monstranz vor sich hergetragenen Antifaschismus mal gepflegt in den Arsch schieben.
Fickt euch!
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